Die Zehn Gebote · Das zweite Gebot
Der Name Gottes
nach P. Martin Ramm FSSP
Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren
Wir ehren den Namen Gottes durch die Art, wie wir ihn aussprechen, und durch die Art, wie wir leben.
Der Name Gottes
Dieses Gebot wurde dem Moses am Berg Sinai gegeben — genau dort, wo Gott ihm zuvor beim brennenden Dornbusch seinen heiligen Namen geoffenbart hat.
Moses sprach zu Gott: „Wenn ich nun zu den Kindern Israels komme und zu ihnen spreche: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mich dann fragen werden: Wie heisst er?, was soll ich ihnen dann antworten?" Gott entgegnete dem Moses: „Ich bin, der ich bin!"
Ex 3, 13f.
Der in vier hebräischen Buchstaben ausgedrückte Gottesname war den Juden so heilig, dass sie ihn nicht auszusprechen wagten. Wo er in den heiligen Büchern vorkam, las man stattdessen Adonai — der Herr. Damit beim Vorlesen niemand versehentlich den Namen selbst aussprach, schrieben die Masoreten die Vokalzeichen von Adonai unter die Konsonanten JHWH: ein blosser Lesehinweis, kein Bestandteil des Namens.
Die vier hebräischen Buchstaben Jod, He, Waw, He — JHWH, von rechts nach links gelesen.
Die Zeichen sind eine Anweisung an den Leser: Er sieht JHWH und spricht „der Herr".
Wer die Vokale für einen Teil des Namens hielt, las beides in einem Zug — und erhielt Jehova.
Ein Name, den es nie gab. Jehova ist erst im Mittelalter aus dieser Amalgamation von Konsonanten und fremden Vokalen entstanden. Weder im Judentum noch in der frühen Kirche wurde Gott je so genannt.
Genau genommen steht unter dem ersten Buchstaben ein einfaches Schwa statt des Hatef-Patach von Adonai — die Verschmelzung ist also nicht einmal lautlich sauber.
Was am brennenden Dornbusch begann, hat Jesus Christus vollendet. Er sagt im Hohepriesterlichen Gebet:
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart …
Joh 17, 6
Nach dem biblischen Verständnis meint Name das Wesentliche der Sache selbst. Wer den Namen anruft, ruft Gott selbst an.
Sodann baute er (Abraham) dem Herrn einen Altar und rief den Namen des Herrn an.
Gen 12, 8
In Freuden will ich über Dich frohlocken, will Deinem Namen lobsingen, Du Allerhöchster.
Ps 9, 3
Lobet, ihr Diener des Herrn, lobet den Namen des Herrn! Gepriesen sei der Name des Herrn von nun an bis in Ewigkeit! Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des Herrn! Erhaben über alle Völker ist der Herr, über den Himmel seine Herrlichkeit.
Ps 113, 1–4
Sanctum et terribile nomen eius. — Heilig und ehrfurchtgebietend ist sein Name.
Ps 111, 9
In den Jahrzehnten nach dem Konzil war es in Liedern, Gebeten und Lesungen üblich geworden, den Gottesnamen als „Jahwe" auszusprechen. Am 29. Juni 2008 hat die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung dem ein Ende gesetzt.
Die ehrwürdige biblische Tradition der Heiligen Schrift … bezeugt eine ganze Reihe von göttlichen Anreden, unter anderem den heiligen Namen Gottes, der sich im Tetragramm JHWH offenbart. Insofern dieses Tetragramm die unendliche Grösse und Majestät Gottes ausdrückt, wurde es als unaussprechlich angesehen und wurde daher beim Lesen der Heiligen Schrift durch eine alternative Anrede ersetzt: „Adonai", was „Herr" bedeutet. (…) In den liturgischen Feiern, den Gesängen und den Gebeten darf der Name Gottes in der Form des Tetragramms JHWH weder verwendet noch ausgesprochen werden. … Das göttliche Tetragramm ist mit einem gleichbedeutenden Begriff zu Adonai / Kyrios zu übersetzen.
Rundschreiben der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung an die Bischofskonferenzen über den Namen Gottes, 29.06.2008
Der Brief nennt dafür drei Gründe, die alle in dieselbe Richtung weisen:
Den dritten Grund führt der Brief eigens aus: Wenn Paulus schreibt, Gott habe Christus „den Namen verliehen, der über alle Namen ist", so meint er keinen anderen als den Namen Herr — denn er fährt fort: „und jede Zunge bekenne: Jesus Christus ist der Herr" (Phil 2, 9–11). Der Katechismus zieht dieselbe Linie:
Aus Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit spricht das Volk Israel den Namen Gottes nicht aus. Bei der Lesung der Heiligen Schrift wird der geoffenbarte Name durch den göttlichen Würdetitel „Herr" ersetzt. … Unter diesem Titel wird die Gottheit Jesu feierlich bekannt: „Jesus ist der Herr."
KKK 209
Damit ist die Weisung mehr als eine Frage des Stils. Wer in einer katholischen Liturgie sitzt, hört denselben Verzicht, den Israel seit den Tagen des zweiten Tempels übt. Die Scheu vor dem Namen ist nicht abgelegt, sondern weitergetragen: Ein Jude findet in unserem Gottesdienst nicht einen fremden Umgang mit dem Namen seines Gottes, sondern den eigenen — und die Kirche bekennt damit zugleich, dass der Gott, den sie anbetet, kein anderer ist als der, der sich am Dornbusch offenbart hat.
Indem die Kirche, das Gottesvolk im Neuen Bund, sich in ihr eigenes Mysterium vertieft, entdeckt sie ihren Zusammenhang mit dem jüdischen Volk … Im Unterschied zu den anderen nichtchristlichen Religionen ist der jüdische Glaube schon Antwort auf die Offenbarung Gottes im Alten Bund.
KKK 839 (vgl. Nostra aetate 4)
Aus demselben Grund verlangt die Instruktion Liturgiam authenticam (Nr. 41) schon seit 2001, das Tetragramm in liturgischen Übersetzungen mit dem jeweiligen Wort für Herr wiederzugeben.
Die Ehre Gottes
Der Name Gottes wird geheiligt durch die ihm erwiesene Ehre.
→ Der Ruhm ist die Wirkung der erwiesenen Ehre (vgl. S. th. II-II, 103, 1)
Regi saeculorum immortali et invisibili, soli Deo honor et gloria in saecula saeculorum. Amen. — Dem König der Ewigkeit, dem unsterblichen und unsichtbaren, dem alleinigen Gott sei Ehre und Ruhm in alle Ewigkeit. Amen.
1 Tim 1, 17 — Kapitel zur Prim
Die Liturgie ist voll von diesem Lobpreis:
- Gloria in excelsis Deo …
- Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto …
- Per ipsum et cum ipso et in ipso est tibi Deo Patri omnipotenti in unitate Spiritus Sancti omnis honor et gloria per omnia saecula saeculorum.
Und nun verherrliche (clarifica) Du mich, Vater, bei Dir mit der Herrlichkeit (claritate), die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war.
Joh 17, 5
Man unterscheidet zwei Weisen der göttlichen Herrlichkeit — eine, die Gott wesentlich ist, und eine, die ihm die Geschöpfe erweisen.
Das innerste Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.
- Diese Glorie ist Gott wesentlich.
- Sie ist unendlich und kann weder gemindert noch vermehrt werden.
Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam. — Wir sagen Dir Dank ob Deiner grossen Herrlichkeit. (Gloria)
Die Verherrlichung Gottes durch die Geschöpfe.
- Sie ist Gott keineswegs notwendig.
- Durch das Lob der Geschöpfe wird die innergöttliche Glorie nicht vermehrt.
Von allen Geschöpfen: Sie preisen Gott durch ihr blosses Dasein und durch ihre Vollkommenheit, indem sie gut und schön sind und so den Schöpfer widerspiegeln.
Von der vernünftigen Kreatur, die befähigt ist, Gott zu erkennen und anzuerkennen.
Obwohl es ganz wahr ist, dass der göttliche Name an sich der Heiligung nicht bedarf, da er heilig und furchtbar ist, wie Gott selbst durch seine eigene Natur heilig ist … so wünschen und begehren wir dennoch, dass er mit Lob, Ehre und Ruhm gefeiert werde nach dem Beispiele jenes Lobes, jener Ehre und jenes Ruhmes, der ihm im Himmel gezollt wird.
Cat Rom IV, 10, 4
Das erste Ziel der ganzen Schöpfung ist die Offenbarung der göttlichen Vollkommenheit — Allmacht, Weisheit — und die daraus folgende Ehre Gottes.
Wer leugnet, die Welt sei zur Verherrlichung Gottes geschaffen, der sei ausgeschlossen.
1. Vatikanum, 3. Sitzung (NR 322)
Die gesamte Natur betet in ihrer Weise Gott an. Die aber, die weder mit einem Empfindungsvermögen noch mit Vernunft begabt ist, hat kein Herz, um Gott zu lieben und keinen Verstand, um ihn zu begreifen. Sie begnügt sich deshalb damit, ihre Ordnung, ihre verschiedenartigen Tätigkeiten und ihren Schmuck vor unseren Augen auszubreiten. Sie selbst kann nicht sehen, aber sie zeigt sich. Sie selbst kann nicht beten, aber sie treibt uns dazu an und gestattet nicht, dass Gott, den sie selbst nicht wahrnimmt, unbekannt bleibe.
Tanquerey 503
Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.
Ps 19, 2
Froh leuchten die Sterne auf ihren Posten. Er ruft sie, und sie sprechen: „Hier sind wir!" Sie leuchten mit Freude für den, der sie schuf.
Bar 3, 34f.
Die Bestimmung des Menschen
Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen und nach Vollendung des irdischen Lebens in den Himmel zu kommen.
Die Sünde entehrt den heiligen Namen Gottes.
Ein heiliges Leben aber ehrt ihn.
Wenn man das zweite Gebot richtig versteht, schliesst es jede Sünde aus.
Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist fern von mir.
Mt 15, 8
Das zweite Gebot steht im Kontrast zu Babel. Dort ging es um den eigenen Namen — hier um den Namen Gottes.
„Auf! Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht! Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir nicht in alle Welt zerstreut werden!"
Gen 11, 4 weltliche Ambition, Karrierismus„Geheiligt werde Dein Name!"
Erste Bitte des Herrengebetes der Name Gottes vor dem eigenenFür die drei ersten Bitten des Vaterunser gilt als Massstab: Sicut in caelo et in terra. Wir wünschen, dass Gottes Name auf Erden ebenso geheiligt werde wie im Himmel, und bitten, „dass er selbst die Heiligung seines Namens in die Hand nehme" (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, S. 179).
Zu beten „Geheiligt werde Dein Name!" bedeutet, im Licht wandeln zu wollen, um sich als Jünger Christi zu erweisen. Wer so betet, kann sich der Selbstheiligung nicht verweigern.
Wie die Gläubigen leben, so urteilen die Menschen über den Glauben selbst. Der Name Gottes wird durch ein schlechtes Leben entweiht und durch ein gutes verherrlicht.
So kamen sie zu den Heidenvölkern. Wohin sie aber kamen, da befleckten sie meinen heiligen Namen, weil man von ihnen sagte: Diese sind das Volk des Herrn, und doch mussten sie sein Land verlassen. … Nicht um euretwillen handle ich, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr unter den Völkern, zu denen ihr gelangt seid, entweiht habt. … Ich gebe euch ein neues Herz und lege neuen Geist in eure Brust; ich entferne das Herz aus Stein aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch.
Ez 36, 20–27
Der Sohn ehrt den Vater und der Knecht seinen Herrn. Doch wenn ich Vater bin, wo bleibt meine Ehre, wenn ich der Herr bin, wo bleibt die Furcht vor mir? … ihr Priester, die ihr meinen Namen verachtet. Ihr fragt: „Wodurch verachten wir deinen Namen?" Indem ihr auf meinem Altar befleckte Speise darbringt.
Mal 1, 6–9
Wer schlecht lebt und sich Christ nennt, tut Christus Schmach an. Von solchen heisst es ja, dass durch sie der Name des Herrn gelästert wird. Wenn aber der Name Gottes durch solche gelästert wird, so wird durch die Guten der Name des Herrn verherrlicht.
Augustinus, In Ioann. 50, 9
Wenn es aber zum Lob bei den Menschen gereicht, dass der Väter Zier widerglänzt in dem Sohne, um wieviel ruhmvoller ist es dann, wenn die aus Gott Geborenen das Bildnis ihres Urhebers widerstrahlen, und wenn sie jenen in sich zeigen, der sie gezeugt hat?
Leo I., sechste Rede zu Weihnachten (BKV S. 129)
Wie das Leben und die Sitten derer beschaffen sind, welche sich zu einer Religion bekennen, so pflegt auch die unerfahrene Menge über die Religion selbst und über den Stifter dieser Religion zu urteilen.
Cat Rom IV, 10, 9
So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist.
Mt 5, 16
Daran sollen alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt.
Joh 13, 35
Kindlein, wir wollen nicht lieben mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit.
1 Joh 3, 18
Jede menschliche Ehrenbezeugung muss notwendig hinter dem Anspruch der Heiligkeit Gottes zurückbleiben. Deshalb vereinen wir unseren Lobpreis mit dem unendlich wertvollen Lobopfer des Sohnes: Per ipsum et cum ipso et in ipso …
Unser ganzes Leben soll ein Gloria Patri sein!